Meine Gedanken zum Film "Alphabet - Angst oder Liebe"

Was ist das heute für eine Schule? Yakamoz Karakurt liest Ausschnitte aus dem Text "Mein Kopf ist voll" vor, den ich schon mehrfach im Netz gesehen, gelesen und auch auf DVD habe.
Ihre die Aussagen berühren mich nach wie vor.

Ken Robinsons zitiert eine
Studie, die besagt, dass die meisten Kindergartenkinder die Fähigkeit zu unangepasstem Denken ("Divergent Thinking") besitzen.
Alphabet - 98% der Kinder sind hochbegabt. Schon erstaunlich, was innerhalb von 21 Jahren geschieht.
Kann das wirklich sein?!?

Der Film Alphabet beschäftigt mich.
Und das, obwohl ich zuerst dachte nichts Neues gehört zu haben.

Gerald Hüther spricht über Konkurrenz und die vorgeburtliche Verbundenheit, die einen Menschen nie wieder loslässt und Pablo Pineda Ferrer (Yo tan bien) erzählt von zwei Konzepten - der Angst und der Liebe. Seine tiefgründigen Aussagen beschäftigen mich am Tag danach am intensivsten.

Ich sass im Kino und schaute mir die Szenen aus China mit der Mathematik-Olympiade und ehemaligen Boxer aus Deutschland an. In mir sträubte sich alles. Ist es wirklich so extrem? Wird da nicht schwarz-weiss gemalt?
In mir steigen Gefühle der Abwehr auf.

Nein, ich kann das nicht glauben! Ich will das nicht glauben. Nein ich will es nicht einmal wissen.

Dann komme ich in die Schule und unterrichte. Ein 1.-Klässler soll mir etwas vorlesen. Ich weiss, dass er lesen kann. Er liest sogar sehr gut. Und ich sitze da, alleine mit ihm und will "wissen", was er zur Zeit kann. Er ist (verständlicherweise!) verunsichert und liest mir den Text vor. So will ich es haben. Brav gemacht!

Diese Ironie...

Selbst ich, die ich mir wirklich Mühe gebe und vieles gut mache, ertappe mich nach dem Film dabei Kindern "nicht zu vertrauen".
André Sterns einzige Bitte ist, dass wir wieder Vertrauen in die Kinder haben.

"Mein Sohn ist doch nicht blöd!"

sagt er vor dem Publikum, nachdem wir den Film gesehen haben.
Ja, Recht hat er! Keines der Kinder in meiner Klasse ist blöd. Und ich vertraue ihnen wieder etwas mehr.

Und wie gewinne ich die Eltern für diese Einstellung? Demnächst sind wieder Elterngespräche. Und einigen Eltern muss ich mitteilen, dass ihr Kind nicht "auf dem alters-entsprechenden Stand" ist. "Was soll denn das?" frage ich mich. Remo H. Largo sagt doch ganz klar, dass der Altersunterschied und Lernstand bis zu sieben Jahren auseinander gehen kann. Diese Kinder sind alle NORMAL!
Und trotzdem wird von mir als Lehrerin, in meiner Rolle als Unter-richtende ERWARTET, dass ich genau das tue. Ich bin in einem Rollenkonflikt, den ich alleine nicht lösen kann.

Der Film Alphabet polarisiert. Und er stellt sicher auch Extrem-Seiten dar. Und trotzdem finde ich diese extremen Darstellungen in meinem eigenen Schulzimmer wieder - auch wenn ich es nicht wahrhaben will.

Natürlich gibt es in meinem Schulzimmer viele schöne Momente. Immer mehr Momente, in denen meine Schüler/Innen im FLOW lernen. Diese Momente geniesse ich sehr. Das sind Momente, in denen ich wach genug bin zu erkennen, ob ich eingreifen soll oder nicht.

Wie soll ich eingreifen, wenn Kinder eine - mir im ersten Moment völlig abstruse - Idee bringen?

"Frau Matter, dürfen wir...?"

fragt ein Kind mit leuchtenden Augen. Die anderen Kinder stimmen ein: "Ou jooo!" Ich überlege kurz - mir selber wäre nie so eine absonderliche Idee eingefallen! Nein, denke ich. Das war ganz anders geplant! Und dann lasse ich die Kinder gewähren.

Und dann passiert etwas Unglaubliches: Die Kinder haben Spass, befinden sich - für einen kurzen Moment - im Flow. Und es passiert ECHTES LERNEN.

Unglaublich, dieses Gefühl! Ich geniesse diese Momente aus ganzem Herzen.

Der Film rüttelt wach. Er weckte Dinge in mir, derer ich mir mehr oder weniger bewusst bin. Einmal mehr werde ich mir bewusst, dass wir mit der Schule - selbst in der Schweiz, in dem Land, das aus meiner Sicht schon recht gute Schulen hat - noch lange nicht am Ziel sind.